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Kunst wirkt, auch therapeutisch. Anmerkung eines Psychiaters. Nicht nur jeder psychisch Kranke oder jeder, dessen Seele nicht heil ist, sondern überhaupt jeder Mensch bedarf der nichtsprachlichen Ausdrucks- und Erlebnisform. Die Bedeutung der Sprache, von Worten und Begriffen für Kommunikation, Erleben und innere Ordnung, den sogenannten Seelenfrieden eines jeden von uns, wird regelmäßig überschätzt. Denn in einer wichtigen Zeit unseres Lebens - schon vor der Geburt und in frühester Kindheit - empfinden und erleben wir und werden geprägt, ohne daß uns Worte und Begriffe zur Verfügung stünden, und später ist es nicht viel anders. Nur etwa zehn Prozent dessen, was im Gehirn vor sich geht, verläuft auf der Begriffsebene, in sogenannten verbalen Prozessen. Begriffe wie Liebe, Freude, Angst, Schmerz, Trauer oder Schönheit dienen eigentlich nur der Etikettierung des Unsagbaren. Sinn bekommen sie erst im Zusammenhang mit den Bildern und Gefühlen, die jeder einzelne damit verbindet. Das innere Bild, ebenso wie das sichtbare, steht der Ursprünglichkeit des Gefühls viel näher als das Wort. Das Wort kann wahr oder falsch sein. Das erlebte Gefühl - im Unterschied zum gezeigten, das gespielt sein kann - ist immer wahr, und es ist mächtig, mächtiger als das Wort. Darum ist das Bild - auch als therapeutisches Mittel - so wichtig, weil es dem Gefühl so nahe steht. Wir alle wissen, daß die verschiedenen künstlerischen Ausdrucksformen: Klänge, Farben und Formen uns zu unseren Gefühlen tragen, und wir wissen, daß eine Geste, eine Melodie, ein Bild mehr sagen können als viele Worte. Nicht so sehr im Erleben eines Bildes, sondern vielmehr im Gestalten des Bildes liegt die heilsame Wirkung der Kunst. Im künstlerischen, - einfacher - im gestalterischen Prozeß werden Gefühle lebendig und mächtig, schließlich aber auch geordnet und beherrscht. Leo Navratil formulierte dies dramatisch: „Das künstlerische Werk rettet den Schöpfer vor der ichzerstörenden Gewalt der Emotionen und Triebe.“ Das ist die heilsame Wirkung der Kunst, das ist Kunst als Therapie. Kunst ist nonverbale (nichtsprachliche) Psychotherapie. Und ist es nicht evident, daß diese Form der Psychotherapie viel näher, umfassender und kausaler wirken kann als jede ihrer verbalen Formen? Darum gilt es, psychisch Kranken das Schöpferische, Gestalterische, Künstlerische nahezubringen, auf daß sie ihre Gefühle und Ängste verstehen und beherrschen lernen und somit wieder mehr Freiheit, Selbstbewußtsein und größere Handlunsfähigkeit erlangen. ... Die originelle, individuelle, schöpferische Leistung ermöglicht also Ich-Findung und Selbstverwirklichung. Und darin liegt die wesentliche Beziehung zwischen dem Ich und dem künstlerischen Schaffen - für den Gesunden ebenso wie für den psychisch Kranken. Kunst als Therapie oder Kunsttherapie ist nicht nur den psychisch Kranken, sondern allen und insbesondere den vielen unglücklichen Gesunden unserer Zeit zu empfehlen. |
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