Herr B. auf dem Weg zu sich selbst
Von Kai Walter
Ängste und Zwänge hindern manche Menschen, am Leben teilzunehmen. Äußerlich unauffällig scheitern sie am Alltäglichen. In Bad Liebenwerda bringt Kunsttherapeutin Romy Feld seelisch kranke Menschen zurück zu einem selbstbestimmten Leben.
Es ist ein kühler, feuchter Montagmorgen. Die Sonne ist nur noch auf einigen der gut ein Dutzend Gesichter zu sehen, die um die Frühstückstafel sitzen. So beginnt der Tag für die Besucher der Tagesstätte für psychisch kranke Menschen in Bad Liebenwerda, bei einem gemeinsamen Frühstück mit Therapeuten, Fahrern und anderen Mitarbeitern. Mittendrin sitzt die Therapeutin Romy Feld, eine lebensfrohe junge Frau, die es aus dem Bayerischen ins Land Brandenburg verschlagen hat. Sie spricht die Besucher an. Die Antworten sind knapp. Herr B. sitzt still und scheut den direkten Blick. Die Anderen sprechen wenig, er sagt nichts. Später wird er erzählen, dass er mal Stürmer bei einem Fußballverein war, den es nicht mehr gibt. Auch den Stürmer B. gibt es nicht mehr. Eine ganz persönliche Wende hat dazu geführt, dass sich Offensive in Defensive verwandelt hat. Herr B. hat sich allmählich zurückgezogen von Aktivitäten, bei denen viele Menschen mitmachen. Das begann schon, als Herr B. noch kein Herr, sondern Jugendlicher war.
Der Lebensbaum soll sich füllen
Nach dem Frühstück geht es in die Malgruppe. Die ist neu in Bad Liebenwerda. Der Aufbau der Malgruppe hängt mit der Anstellung von Romy Feld zusammen. Die gelernte Krankenschwester mit Schwerpunkt psychische Erkrankungen hat sich zur Kunsttherapeutin ausbilden lassen und bringt diese Therapieform in Bad Liebenwerda ein. Sie bietet Kunsttherapie in der Gruppe an, aber auch individuell.
In der ersten Malgruppe ist Herr B. Im Gesprächskreis sammelt Romy Feld Eindrücke und Erlebnisse vom Wochenende und bespricht die künstlerische Arbeit. Herr B., der frühere Stürmer, schaut ab und zu herüber. An der Wand vor Herrn B. wächst ein Baum. Eifrig malt er an dem riesigen Bild. Die anderen aus der Gruppe haben seinen Baum schon als Atompilz bezeichnet. Das hat ihn nicht abgehalten. Mit jedem Pinselstrich wird der Baum mehr und mehr erkennbar. Über zwei Meter hoch soll er mal in der Wohnung von Herrn B. hängen. »Haben sie denn überhaupt genug Platz dafür?«, fragt Romy Feld. Er hofft, dass es passen wird. Sie gibt ihm schon mal einen kleinen Haftnotizenblock und einen Stift. Jedes Mal, wenn er etwas geschafft hat, soll er ein Blatt nehmen und es aufschreiben. Das Blatt kommt an den Baum. Jede gelungene Aktion zählt. Der Lebensbaum soll sich füllen und Herrn B. vor Augen führen, was er erreicht hat.
In der Tagesstätte in Bad Liebenwerda gab es früher nur Ergotherapie. Das Ziel ist eine Rehabilitation von motorischen, neurophysiologischen und psychosozialen Fähigkeiten, die Wiederherstellung der alltäglichen Handlungsfähigkeit und der sozialen Teilhabe. Kurz: die Erhöhung der Lebensqualität. Einige der Besucher sind nicht in der Lage, morgens regelmäßig aufzustehen und sich ein Frühstück zu machen. Die Regelmäßigkeit in der Tagesstätte hilft. Im Zusammensein mit den Anderen lässt sich die eigene Krankheit oft besser akzeptieren. Zuspruch macht Mut. Ein Funktionsplan soll helfen. Jede Woche werden die Aufgaben neu verteilt: Küche, Straße fegen, alles was so anfällt. Normalität soll zurückkommen, wo sie verloren gegangen ist.
Doch die Ergotherapie hat ihre Grenzen. »Manche kann man mit Ergotherapie gar nicht aufbrechen. Die sind schon so hospitalisiert«, sagt Romy Feld. In der Kunsttherapie sieht sie eine Möglichkeit, diese Menschen zu erreichen. Die Kunsttherapie tritt vielerorts neben die Ergotherapie, oder ersetzt sie gar. Gegenüber der Ergotherapie, die vor allem motorische Fähigkeiten wieder rehabilitieren hilft, geht die Kunsttherapie tiefer. Gefühle, vor allem Ängste und Zwänge, werden zugänglicher. Die Patienten lernen, auf spielerische Art mit ihren Gefühlen umzugehen.
»Die Leute sind doch sehr unterschiedlich. Da gibt es sehr selten Gemeinsamkeiten«, sagt Romy Feld. Auch bei der Maltherapie dauere es, bis man den »Knackpunkt« erreicht habe: »Dann geht es erst richtig los mit der Arbeit.« Viele würden sich ausruhen und mit ihrer Krankheit bequem werden. Motivieren und Anschieben sei wichtig, aber sie wolle verhindern, dass sich die Patienten zurücklehnen und abwarten. Es geht darum, die Leute im Leben zu stabilisieren. Die chronisch seelisch Kranken haben meist oft kein motivierendes Umfeld. Sie müssen lernen, mit ihrer Krankheit umzugehen, sie zu akzeptieren. Denn sie ist da. Es sind kleine, langsame Schritte. Das Zwangsverhalten hatte zum Beispiel den redseligen Herrn P. oft daran gehindert, allein zur Tagesstätte zu kommen. Dann wurde er mit dem Taxi gebracht. Mittlerweile kommt er allein. Romy Feld liest nicht die Akten der Patienten, bevor sie in die Malgruppe kommen. Sie will keine Vorurteile aufbauen. Statt direkt in den Lebenslauf und die Familie zu schauen, will sie Alternativen in der Gegenwart entwickeln. Im Gespräch und in der künstlerischen Arbeit lernt sie die Person erkennen.
»Seit ich hierher komme, ist es besser«
Nach dem Mittagessen ergibt sich ein Gespräch mit Herrn B. Der Enddreißiger sitzt ein wenig in sich gesunken auf dem Stuhl. Aber plötzlich öffnen sich sein Blick und auch seine Lippen. Er erzählt von seiner Jugendzeit im Fußballverein. Er lief voran, um Tore zu schießen. Doch dann fühlte er sich auf einmal unwohl in großen Gruppen. Er zog sich zurück. Er spricht von einem problematischen Verhältnis zu seinem Vater, dem er nichts recht machen konnte. Streng sei der Vater gewesen. Herr B. hat sich immer mehr abgekapselt. Er wollte nicht, dass jemand etwas mitkriegt. Noch immer scheint er darunter zu leiden. Im Gespräch blüht er plötzlich auf. Für Fußball interessiert er sich auch heute noch. Aber selber spielen möchte er nicht mehr. Er stürmt nicht mehr, er verteidigt auch nicht. Er hat aufgehört mitzuspielen. Die aktive Mannschaftssportart Fußball ist für ihn zu einem passiven, individuellen Vergnügen geworden. Drüben in Cottbus gibt es ja Bundesliga. Da war er auch schon mal mit seinem Bruder. Zu Auswärtsspielen der Cottbuser fährt der Bruder auch manchmal mit. Nichts für Herrn B., denn da sind auch die Kumpels vom Bruder dabei. Manchmal guckt er zu, wenn sein Bruder in der
Volksportmannschaft mitmacht. Mehr Leute müssen nicht sein.
Herr B. hat sich immer wieder zusammengerissen. Er ist nicht zum Arzt oder zum Therapeuten gegangen. Er wollte es aushalten. Aber das ging nicht. Als er noch als Maler und Lackierer gearbeitet hatte, blieben Lohnzahlungen aus. Zweimal verlor er den Job. Das war zu viel. So kam schließlich der Zusammenbruch. Für den Vater und die Nachbarn gehört er zu denen, die was am Kopf haben. »Manchmal sage ich, ich würde lieber ein Bein weniger haben als das«, sagt er mit ruhiger Stimme. Er kann seine Krankheit auch selbst nicht akzeptieren. Es ist die Angst vor der Krankheit und die Angst, sich damit abzufinden. Früher war er auch lustig. »Ein ganz anderer Typ«, sagt Herr B. Beim Reden scheint ihm so ein Lachen von früher rauszurutschen. Die Begegnungen in der Tagesstätte helfen ihm. »Früher war ich ein, zwei Mal im Jahr in der Klinik. Seit ich hierher komme, ist es besser.« Das letzte Mal war er vor über vier Jahren in der Klinik.
Herr B. spricht unerwartet offen, fast gelöst. Selbst Romy Feld zeigt sich überrascht. So habe sie ihn noch nie erlebt, sagt sie, als Herr B. draußen wieder dem Funktionsplan folgt. Romy Feld freut sich über diese Entwicklung. Sie freut sich auch, wie zielstrebig Herr B. an seinem Lebensbaum gearbeitet hat, dessen Struktur jetzt immer besser zum Vorschein kommt, weil die Farbe an der Wand trocknet. Bald werden die kleinen Haftnotizenblätter nach und nach zeigen, welche Schritte Herr B. auf dem Weg zu sich selbst macht.
Kunstherapie erlernen
Romy Feld hat sich im Institut für Kunsttherapie Berlin-Brandenburg in Markendorf bei Jüterbog zur Kunsttherapeutin ausbilden lassen. Die Ausbildung dauert vier Jahre und findet berufsbegleitend an Wochenenden statt. Die Ausbildung wird vom zuständigen Berufs- und Dachverband, der Deutschen Gesellschaft für künstlerische Therapieformen, anerkannt. Die neuen Lehrgänge beginnen in Markendorf immer im April.
Quelle: Neues Deutschland vom 22.12.2007 / Menschen und Leben / Seite 23
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URL: http://www.neues-deutschland.de/artikel/121322.html
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