Bilder offenbaren Gefühle
Kunsttherapeut. In einer berufsbegleitenden Ausbildung erwerben Studenten das Zertifikat.
Von Thomas Wedel
Ein Heile-Welt-Bild hätte es werden sollen – ein kräftiger, von zarter Sonne beschienener, rot blühender Rosenstrauch. „Auf einigen Blättern glitzern noch die Tropfen vom letzten lauwarmen Regen“, so hatte sich Madlen ihr Gewächs vorgestellt.
Warum das auf ihrem Papier nun aber unversehens zu einem Gebilde gerät, das eher an eine Explosion als an eine Pflanze erinnert, das wird die beiden in der nächsten Stunde beschäftigen – den Kunsttherapeuten Ingo Karasinsky und seine Klientin. Sie werden ergründen, was die Rosenstrauchimagination in dem Moment, als sie Madlen zum Bild werden ließ, in dem Mädchen ausgelöst hat: Sucht es hinter ihrer Rose Schutz? Wovor? Vor welchen Erinnerungen? Dass Madlens Welt keine heile Bilderbuchwelt ist und ihre Sicht auf die Dinge, ihre Umgebung und sich selbst nicht gerade rosig - das hat sie wohl mit allen Teilnehmerinnen an den Workshops bei der Integrationsgesellschaft Sachsen gGmbH Region Pirna gemeinsam. Ingo Karasinsky versucht hier seit einem Jahr mit kunsttherapeutischen Mitteln, das Selbstwertgefühl der Jugendlichen zu stärken.
Zugang zum Klienten
Aus seiner langen Erfahrung als Streetworker und Jugendamtsmitarbeiter in Görlitz weiß der Kulturwissenschaftler und diplomierte Sozialpädagoge dabei um die Kraft der Bilder. Er selbst ist in kritischen Lebenssituationen seinen eigenen Gefühlen oft mit Kritzelbildern auf die Spur gekommen. Der Wunsch, zu ergründen, was die Bilder mit ihm machen, wie sie es immer wieder schaffen, einem rastlosen, nach persönlicher Anerkennung und allgemeinem Wohlwollen jagendem Unruhegeist inneres Gleichgewicht und Vertrauen in die eigene emotionale Kraft zu geben, hat ihn zur
Kunsttherapie geführt. Nach einer vierjährigen berufsbegleitenden Ausbildung am Institut für
Kunsttherapie Berlin-Brandenburg besitzt er jetzt das Berufszertifikat als Kunsttherapeut. „Damit
habe ich meinen ,Werkzeugkoffer´ um ein weiteres ,Handwerkszeug´ bereichert. Vor allem um solche Methoden
beziehungsweise Verfahren, die mir den Zugang zu Klienten ermöglichen, auch wenn diese sich dem Gespräch verweigern oder sich nicht mitteilen können“, erklärt Ingo Karasinsky. „Das Bild, besonders das innere Bild, steht nun mal dem Gefühl viel näher als das Wort. Ein Bild kann man nicht verschweigen und nicht zerreden, es spricht für sich selbst." Erste Erfolge in seinem neuen Beruf, dessen Qualitätsstandards durch die Deutsche Gesellschaft für künstlerische Therapieformen, Berufs- und Dachverband e.V. (DGKT) vorgegeben sind und streng kontrolliert werden, hat er im diakonischen Kinder- und Jugendheim Dippoldiswalde erzielt. Hier betreut er in einer therapeutischen Wohngemeinschaft einen Jugendlichen mit diagnostiziertem Asperger-Syndrom. In einem offenen kunsttherapeutischen Atelier einer Wohngemeinschaft in Bärenstein verhilft er Jugendlichen mit Gewalt- und Missbrauchserfahrungen zu mehr emotionaler
Stabilität und Selbstvertrauen.
„Die Schicksale und Biografien, die dabei auf mich einwirken, sind emotional sehr belastend“, erzählt der freischaffende Kunsttherapeut, „und ich könnte wohl kaum damit umgehen, wenn ich während der Ausbildung am Institut nicht einen besonders intensiven Prozess der Selbsterfahrung meiner eigenen Probleme und Konflikte durchlebt hätte. Ohne Hilfe meiner Seminargruppe hätte ich mich wahrscheinlich um einige davon herumgemogelt, doch sie hat mich immer wieder darauf gestoßen. Deshalb kann ich heute ohne Übertreibung sagen: diese vier Jahre Kunsttherapieausbildung haben mich näher zu meiner inneren Mitte geführt.“
Ein zartes Röslein
Wäre es nicht ein Schluss wie gemalt, wenn Madlen in Pirna jetzt doch wenigstens ein zartes Röslein in ihre „Explosion“ zeichnen würde? Aber, wie gesagt, diese Welt ist nun mal keine Bilderbuchwelt. Weil das so ist, braucht sie Leute wie Ingo Karasinsky.
Quelle: Sächsischen Zeitung vom 25.08.2007
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