Über Bilder in die Seele blicken
Malen als Therapie in der AWO-Wohnstätten GmbH Glienig

von Andreas Staindl

Glienig. Malen als Therapie erleben Bewohner der AWO-Wohnstätten GmbH in Glienig. 14-täglich finden in der Einrichtung Kurse unter Anleitung von Kunsttherapeutin Elke Reinhardt statt, die rege angenommen werden. Bilder sind ein Lösungsweg zur Seele. Sie sind ehrlicher als Worte, nicht so kaschiert. Der Malende entdeckt in ihnen oft eine Kraft, Stärke und Lebendigkeit, die er bisher an sich nicht wahrgenommen hat. Dies stärkt Selbstvertrauen und Glauben daran, Probleme selbst lösen zu können. Das sagt Dr. Elke Reinhardt aus Markendorf bei Jüterbog. Die Kunsttherapeutin leitet das Institut für Kunsttherapie Berlin-Brandenburg. Seit Mitte der 90er-Jahre arbeitet sie mit Bewohnern der Wohnstätten GmbH der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Glienig.

14-täglich kommt sie in die Einrichtung. Ihre Malkurse erfreuen sich inzwischen großer Beliebtheit. Etwa die Hälfte der derzeit 21 im Außenwohnbereich Lebenden nutzt ihr Angebot, dazu einige Bewohner anderer Bereiche. Klaus Niklei ist seit Sommer vergangenen Jahres dabei. "Ich freue mich über jedes Bild und bin stolz darauf. Malen vertreibt mir die Langeweile, und man schafft was", sagt er. Auch Klaus Tschirnitz kommt seit fast einem Jahr zu den Kursen: "Das Malen macht mir großen Spaß, ich möchte nicht mehr darauf verzichten."

Elke Reinhardt weiß, wie gut ihre Therapie den Bewohnern bekommt. Sie alle haben ein psychisches Problem, unterschiedlich stark ausgeprägt. "Malen entlastet ihre Seele. Die Werke erzählen, was mit Worten nie möglich wäre", erklärt die Kunsttherapeutin. Anfangs sei mancher unmotiviert, habe keine rechte Lust oder früher schlechte Erfahrungen, etwa im Zeichenunterricht in der Schule, gemacht. Dann stellt Elke Reinhardt die Materialien auf den Tisch, lässt die Teilnehmer selbst probieren, erklärt Techniken.

Sie setzt auf Spaß, verzichtet auf Zwang. "Druck bringt keinen Erfolg. Das Tempo der Arbeit bestimmen die Teilnehmer selbst", sagt die Therapeutin. Sie stellt sich darauf ein, achtet auf unterschiedliche Stimmungs- und Gefühlslagen. Und ganz wichtig: Sie hinterfragt. "Kramen in der Seele", nennen das Experten.

Elke Reinhardt erzählt ein erfolgreiches Beispiel: "Ein Monster samt Stimme hatte eine Frau in ihrer Gedankenwelt fest im Griff. Es löste bei ihr Angst, Furcht und Schrecken aus. Als sie ihr Monster auf Papier malte, musste sie lachen. Aus dem Ungeheuer war plötzlich ein lustiger Zwerg geworden."

Gruppenbild als Herausforderung

Das therapeutische Malen erleichtert nicht nur die Seele, sondern fördert auch die Feinmotorik. Ausmalen gehört deshalb zu den Techniken, die regelmäßig zur Anwendung kommen. "Das beruhigt ungemein", sagt Klaus Tschirnitz. Man sieht deutlich, wie konzentriert er arbeitet, um nicht über den Rand zu malen. Dieter Späte hat erst kürzlich zum Malkurs gefunden. "Bisher klappte es arbeitsmäßig nicht. Jetzt passt es, und ich will das Malen probieren", erklärt er. Nach der ersten Stunde lobt ihn Elke Reinhardt: "Prima, dass Sie frei und ohne Vorlage gemalt haben." Späte strahlt und will wiederkommen.

Dann darf er auch am Gruppenbild arbeiten, einer besonderen Herausforderung. Jeder Teilnehmer malt auf dem Unikat. "Das erfordert große Tolerenz, schult die gegenseitige Achtung. Auszuhalten, wenn ein anderer über die eigenen Pinselstriche malt, ist eine harte Probe", erklärt die Kunsttherapeutin.

Kreis hat Interesse an den Arbeiten

Einige dieser Gruppenbilder hängen inzwischen in der Wohnstätten GmbH in Glienig. Am aktuellen Exponat habe Teltow-Flämings Landrat Peer Giesecke Interesse. "Wir würden es aber nur verkaufen, wenn der Preis stimmt. Schließlich ist der ideelle Wert sehr hoch und es steckt viel Herzblut im Bild", sagt Elke Reinhardt.

Vor etwa drei Jahren bekamen die AWO-Kursteilnehmer Gelegenheit, ihre Werke im Luckenwalder Kreishaus zu präsentieren. Das brachte große Anerkennung und neue Motivation.

Quelle Lausitzer Runschau, 01.02.2005

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