Kunst und Therapie - Kunsttherapie
Samstag morgen, zehn Uhr - ein Gong ertönt und fünfzehn Leute, die gerade noch lachend und laut erzählend am Frühstückstisch saßen, finden sich im Seminarraum zur Befindlichkeitsrunde zusammen.
Die gesichter sind ernst, die Stimmung leicht gedrückt. Petra, Lehrerin aus dem Thüringischen sagt, dass sie völlig erschöpft sei von der Woche. Sie hat erst gedacht, dass sie gar nicht kommen könne, es gäbe noch so viel zu tun vor den Ferien und sie müsse auch eher fahren am Sonntag weil sie noch ein Projekt vorbereiten muss.
Hans, unser Bildhauer, erzählt fröhlich, daß er sehr gut drauf sei weil er nach dem Wochenende in Urlaub fährt. Martina sagt, sie wüßte überhaupt nicht wie es weitergehen soll, das Arbeitslosengeld läuft aus und es ist keine Arbeit in Sicht. Aber an diesem Wochenende will sie nicht darüber nachdenken und lieber Kraft tanken. Helga berichtet, daß sie endlich Arbeit bekommen hat. Die Gemeinde hat eine Stelle geschaffen, in der sie mit Gruppen gestalterisch arbeitet und Erfahrungen aus der Kunsttherapie - Weiterbildung gefragt sind. Klaus sieht man die Erschöpfung an. Er denkt laut darüber nach, ob es für ihn nicht auch besser wäre, wie die Rostocker schon am Freitag Abend anzureisen. Aber er hat einfach zu viel zu tun. Seit drei Wochen hat er wieder Arbeit und nun kommen auch noch kleinere Aufträge dazu - eigentlich schön, aber...
„Also, ich habe nur den Wunsch, daß ich an diesem Wochenende nicht noch was draufgepackt kriege, mir reicht es nämlich. Eigentlich müßte ich Klausuren durchsehen - das bleibt nun für Montag. Wenn ich an die Zeit bis zu den Ferien denke, sehe ich nur Berge, Berge von Arbeit. Ich muß mich hier auch erholen können, sonst gehe ich ganz einfach raus“, konstatiert Bärbel. Bevor die Diskussion darüber, ob man das machen darf, so einfach rausgehen, ganz ausufert, wird es still in der Runde. Renate weint, sie sagt, sie könne sich gar nicht richtig einlassen auf das Weiterbildungswochenende, ihre Mutter sei in der vergangenen Woche gestorben.
Stille - wir sind an einem Punkt, mit dem wir kaum richtig umgehen können. „Aber irgendwie, - sagt Renate - hilft mir das hier auch, daß ich die Gruppe hinter mir habe, daß ich hier so sein kann, wie mir zumute ist, daß keiner irgendwas von mir will.“ Beate meint, im Vergleich zu solchen Problemen würde es ihr ja noch gut gehen. Sie hat bis eben gedacht, sie wäre am schlimmsten dran mit ihrem Partnerschaftsstreß und auch sie muß durchhalten bis zum Schuljahresende. Sie fühlt sich ausgepowert - physisch - und durch das Private auch emotional am Ende. In der Schule kann sie aber mit niemandem darüber reden, das geht einfach nicht.
Seit beinahe einem Jahr finden sich rund fünfzehn Leute aus dem Norden und Süden, aus ehemals Ost und ehemals West in Markendorf bei Jüterbog, in einem ehemaligen Offizierscasino, das zu DDR-Zeiten als Ferienlager „diente“, zusammen, um an einer Kunsttherapie - Weiterbildung teilzunehmen. Einige von ihnen haben eine künstlerische Grundausbildung, einige arbeiten bereits - ohne entsprechende Abschlüsse, für wenig Geld - im sozialen Bereich, viele sind LehrerINNEN.
Die mit der Weiterbildung verbundenen Erwartungen sind ganz unterschiedlicher Art. Wer im Moment keine Arbeit hat, will den Abschluß nach vier Jahren zum Neueinstieg nutzen. Einige hoffen, daß sich aus dem Praktikumsplatz im dritten Jahr eine feste Stelle ergibt.
Unsere LehrerINNen wollen kunsttherapeutische Methoden in den Unterricht und die außerunterrichtliche Arbeit einfließen lassen.
Petra erzählt beim gemeinsamen Mittagessen, daß sie die Anregungen der Weiterbildungswochenenden oft in ihrer Klasse umsetzt. Natürlich muß sie den Drittklässlern die Aufgabenstellung anders erklären, da genügt es nicht zu sagen, malt ein Körperbild. Aber wenn die Schulbänke beiseite geräumt werden und sie die Acht- bis Neunjährigen auffordert, es sich am Boden, auf Decken bequem zu machen, dann überlassen sie sich vertrauensvoll einer imaginären Reise durch den eigenen Körper. Sie finden „den Stein“, der in der Magengegend liegt und manchmal Schmerzen verursacht - vor allem vor Klassenarbeiten. Schmerzen, die so unerträglich werden können, daß man gar nicht in die Schule gehen kann. Ein anderer „Stein“ steckt im Hals, er nimmt die Luft beim Treppensteigen im Schulhaus. Ist der Stein erst einmal geortet und auf das Papier gebracht, verliert er ein Stück seiner Bedrohlichkeit.
Kindern wie Erwachsenen fällt es nicht leicht, schwerwiegende Probleme zu benennen, mittels Sprache zu erfassen. Sie sind so angstbesetzt, daß sie schier unsagbar werden. Oder sie sind uns nicht bewußt, es war nötig - wie wir so schön im Alltag sagen - sie erfolgreich zu verdrängen.
Wie oft merken wir erst im Krankheitsfall, daß wir uns zuviel zugemutet haben, daß wir Signale überhört haben, daß die Kommunikation mit uns selbst gestört war. Dann versuchen wir, zur Ruhe zu kommen, nehmen uns mal wieder Zeit für Dinge, zu denen wir sonst nicht kommen. Wir legen die Lieblingsmusik auf, erinnern uns, daß da noch ein Batzen Ton im Keller vor sich hin trocknet und denken vielleicht an die Zeit, in der wir uns mit einem Blatt Papier und ein paar Stiften in eine stille Ecke zurückzogen und zeichneten. Mit etwas Glück finden wir eine staubige Mappe mit unseren Kinderzeichnungen - es sind nur einige, alle anderen sind Umzugsopfer oder wurden aussortiert, als man „richtig“ zeichnen und malen konnte. Von wem eigentlich?
Da ist das Blatt auf dem ich die Arme hochreiße, als könnte ich den Himmel greifen, daneben steht in krakliger Schrift : Max ist da. Und dann, nur ein Kopf und eine riesengroße Träne. Ich weiß noch: Max ist doof, konnte ich nicht draufschreiben weil alle sagten, daß ich meinen Bruder sehr lieb habe und das stimmte natürlich auch irgendwie...aber hatte meine Mutter mich noch lieb, jetzt wo Max da war?
Irgendwann habe ich dann nicht mehr gezeichnet oder gemalt. Ich konnte es nicht richtig oder zumindest nicht richtig genug für eine Eins im Zeichenunterricht. An dem mit schlechten Zensuren behafteten Tun verlor ich für lange Zeit das Interesse - bis zur Abiturzeit, da hatten wir einen Lehrer, der thematische und freie Arbeit zuließ, Techniken vermittelte und mit uns in Ausstellungen ging - manchmal waren es seine Arbeiten, die wir uns ansahen. Er hatte Zeit für uns, auch außerhalb der Schule, hat mit uns geredet, hat uns zugehört - das war natürlich ein Idealfall, ein prägender.
In der kunsttherapeutischen Arbeit treffen wir meist auf Patienten oder Klienten, die dieses „ich kann nicht malen“ verinnerlicht haben. Sie haben Angst vor Bewertung, fürchten erneute Abwertung, glauben ohnehin nichts mehr zu können - jedenfalls nicht „richtig“. Und doch schlummert irgendwo die Erinnerung an eine Zeit, in der man sich alles von der Seele gemalt hat.
Hier läßt sich anknüpfen, an den Spaß im Umgang mit den Materialien - daran, daß es für die Produkte der kunsttherapeutischen Arbeit auch kein richtig oder falsch, kein schön oder häßlich, nur ein So-Sein gibt. Die Sonne muß nicht gelb oder orange sein wenn sie als belastend grau empfunden wird. Die Eiche hat nicht nur grüne Blätter, drei oder vier sind kariert in blau- weiß. Die Katze kann fliegen und hat drei Köpfe.
Die Parallele zwischen Traumbildern und den inneren Bildern, die in der kunsttherapeutischen Arbeit auf das Papier gebracht , in Ton gestaltet , als Installationin den Raum gestellt werden, ist offensichtlich. Die heilsame Wirkung der Kunst kann sich im freien Gestaltungsprozeß entfalten, bislang verschüttete Gefühle oder Probleme treten ins Bewußtsein, Handlungsmöglichkeiten können ausprobiert, durchgespielt und zum eigenen Empfinden in Beziehung gesetzt werden. Häufig entdeckt der Malende in den Bildern eine Kraft, die er sich längst nicht mehr zugetraut hat. Und wenn er nun zum eigenen Erstaunen doch malen kann, was kann er nicht noch alles, von dem er meinte, es längst nicht mehr zu können.
Selbstwahrnehmung, Selbstreflexion, gesteigertes Wohlbefinden und wachsendes Selbstvertrauen sind Resultate der kunstherapeutischen Arbeit.
Sie sind aber auch Begleiterscheinungen der selbsterfahrungsorientierten Weiterbildung von KunsttherapeutINNen.
Eine der Aufgaben an diesem Wochenende lautet: wir malen ein Gruppenbild.
Nichts leichter als das, denken die meisten. Immerhin haben wir einige Künstler in unserer Gruppe, die können ja mal zeigen, was sie drauf haben und die Kunstpädagogen dürfen das machen, was im Zeichenunterricht nicht geht. Unsere Kunsthistorikerin wird noch ganz andere Dimensionen einbringen... Niemand beginnt, zwei, drei unendlich lange Minuten geht die Angst vor dem weißen Blatt um. Wer soll denn das aushalten?
Endlich nimmt sich Dieter den grünen Farbtopf und einen Pinsel. Eine Wellenlinie verläuft diagonal über das Blatt. Elisabeth fügt einen roten Kopf an die Linie, Dieter verzieht das Gesicht. Inzwischen malen mindestens fünf oder sechs gleichzeitig. Wir reden erst hinterher, war abgemacht. Es fällt schwer, sich daran zu halten. Auf dem Blatt ist längst kein weißer Platz mehr. Doris rahmt einige Flächen mit schwarzer Farbe ein. Elisabeth schabt eine Sonne frei, die Dieter in einen Kugelfisch verwandelt hatte. Wer setzt den Schlußpunkt?
Die Auswertungsrunde offenbart, was Klaus in die Worte faßt: „ich habe nicht gedacht, daß so viel dabei abgeht“. Er spricht Dieter ganz offensichtlich aus dem Herzen, als er erwähnt, daß er erstmal tief durchatmen mußte, nachdem Petra seine gelben Ornamente „eiskalt“ mit dunklem Blau übermalte. „Da merkt man doch, daß es einem was ausmacht, also ich meine, ich habe gemerkt, daß es mir etwas ausmacht. Aber manchmal war es auch ok“ - lenkt er ein.
Intensiver als in einer Vorlesung über gruppendynamische Prozesse wird den Teilnehmern nach dieser Übung deutlich, wann und wie man Gruppenbilder einsetzen kann, worüber sie Aufschluß geben und vor allem, warum wir in der Weiterbildung immer wieder auf Selbsterfahrung setzen.
Sonntag, fünfzehn Uhr. Die Gruppe findet sich zur Schlußrunde im Seminarraum zusammen. Katrin sagt, sie fand das Wochenende anstrengend aber gut. Es gäbe so viele Dinge über die sie jetzt wieder nachdenken müsse, die sie weggeschoben hat und die ihr doch immer wieder auf die Füße fallen. Sie wünscht sich, daß ein Termin für die Arbeit in Kleingruppen vereinbart wird, bei dem die Auswertung der Körperbilder fortgesetzt wird. Dieter wirf ein : „auf die Mischung kommt es an! Also ich möchte nicht nur wie bei diesen Psycho-Workshops ständig die Frage gestellt bekommen, wie sich das oder jenes für mich anfühlt, ich möchte auch was wissen. Klar ist es wichtig die eigenen Probleme zu klären, aber ich finde auch die Theorieseminare unheimlich wichtig oder daß wir immer noch Literaturlisten für das Selbststudium bekommen.“ Bärbel stellt fest, daß sie während der vergangenen zwei Tage nicht mehr die unkorrigierten Klausuren im Sinn hatte und meint, daß es richtig gut tut, auch mal nur an sich zu denken, es sich gut gehen zu lassen. Beate fragt, ob sie ihre Sammelmappe mit den eigenen Arbeiten in Markendorf lassen kann und fügt erklärend hinzu: „Ich habe die Mappe mal aus Versehen im Klassenzimmer liegen lassen. Kollegen haben sie beim Direktor abgegeben und der bat mich den Schüler ausfindig zu machen, dem sie gehören könnte. Von einem der Kunsterzieher konnten diese Bilder seiner Meinung nach nicht sein und mit dem Kunstunterricht an seiner Schule brachte er sie auch nur ungern in Verbindung.
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