"Wecken, was sie besitzen, wovon sie aber nichts wissen."
Die Kunsttheapeutin Kerstin Bläß arbeitet gerne mit Kindern

Von Manfred Zander

Sven K. war das, was man gern mal als Problemkind bezeichnet. Er fand keine Kontakte zu anderen Kindern und neigte zu Gewalt. Die Eltern waren ratlos. Ein Freund vermittelte den Kontakt zu einer Kunsttherapeutin. Seit Sven sich dort regelmäßig in einer Gruppe mit anderen Kindern trifft, begann er sich zu wandeln. Kerstin Bläß kennt solche Fälle. Die Kunsttherapeutin weiß um die Möglichkeiten ihres Berufsstandes.

Die Wände ihrer kleinen Wohnung in Magdeburg sind mit kräftig farbigen Bildern geschmückt. Die hat sie selbst gemalt. Besonders eines der Gemälde in verschiedenen Rottönen fällt auf. Die Frage nach seiner Bedeutung lässt die 36-Jährige lachen: „Was jeder zu erblicken glaubt.“

Die salomonische Antwort verrät die Kunsttherapeutin. Aus Erfahrung weiß sie, dass es wichtig ist, einem anderen Freiräume einzuräumen. Warum also nicht auch die Freiheit, aus einem Bild das herauszulesen, was jeder zu sehen denkt? Auch im Leben, sagt sie über ihre Tätigkeit, entscheide jeder selbst, in welche Richtung er sich entwickelt. Ihre Aufgabe sieht sie darin, Kindern und Jugendlichen zu helfen, denen es schwer fällt, den Weg zu bestimmen. In diesem Prozess hilft es nichts, zu fordern und jemanden zwingen zu wollen. „Du musst fleißig in der Schule sein!“, ist eine solche Forderung, die bereits ganze Elterngenerationen ziemlich erfolglos ihren Sprösslingen gegenüber erhoben.

„Wir wollen keinen Druck ausüben,“ sagt Kerstin Bläß, „sondern Interesse und Wünsche anregen.“ Die staatlich anerkannte Erzieherin mit Zusatzausbildung Kunsttherapie hat selbst zwei Söhne, Franziskus (4) und Robin (1). Sie arbeitet gern mit Kindern. Indem sie mit den 2- bis 15-Jährigen bastelt, zeichnet, malt oder filzt, versucht sie bei ihnen das Empfinden für Kreativität und für die eigenen Möglichkeiten zu fördern und sich in diesem Prozess zu verändern. „Ich möchte das wecken, was sie besitzen, wovon sie aber nichts wissen.“ Das stärke die Kinder, und sie können später darauf aufbauen.

Über den Spaß am Malen und die eigene Kreativität hat Kerstin Bläß den Weg zur Kunsttherapie gefunden. Von 2002 bis 2006 hat die Magdeburgerin am Institut für Kunsttherapie Berlin-Brandenburg in Jüterbog-Markendorf studiert. Ihre Ausbildung als Erzieherin – seit 1989 arbeitet sie mit Kindern und später auch mit Jugendlichen – war dabei hilfreich. „Ich wollte mehr erfahren, Hintergründe kennenlernen,“ erzählt sie. Im Grunde habe sie dann selbst erlebt, was sie heute anderen Menscen weitergeben möchte: „Ich habe mich besser kennengelernt.“ Die theoretische und praktische Ausbildung erfolgte in Gruppen. Zum Studium gehörte auch ein Praktikum.

Einen Berufsabschluss im pädagogischen Bereich, ein wenig Lebenserfahrung, die Fähigkeiten, sich in Fremde hineindenken zu können und jemanden so zu nehmen, wie er ist, nennt Kerstin Bläß als gute Voraussetzungen für ein Kunsttherapiestudium. Die beruflichen Möglichkeiten sind groß. Das Zertifikat berechtigt, sich selbständig zu machen, in einem Team mit anderen Therapeuten an einer Klinik zu arbeiten oder in der Kindererziehung tätig zu sein.

Quelle: Volksstimme, 23.02.08, Beruf und Bildung

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